ausstellungen - art exhibitions

6. bis 31. Juli 2019

SOSEIN  DASEIN  LEBEN

Christine Schätzlein

Objekte.Installationen.Malerei

Kirche St. Johannis Würzburg

Vernissage am 6. Juli 2019 um 18 Uhr

Einführung: Jürgen Hochmuth

Orgel: Dr. Lilo Kunkel

 

Hofstallstraße 5

97070 Würzburg

www.johannis-wuerzburg.de

Einführung zum Kunstprojekt " SOSEIN DASEIN LEBEN" von Jürgen Hochmuth, Vernissage 6. Juli 2019

 

Sosein – Dasein – Leben

So nennt die Künstlerin Christine Schätzlein ihr Ausstellungsprojekt. Diese 3 Begriffe stehen elementar für ihre künstlerische Intention: das Erleben, die Auseinandersetzung der Polarität von Leid und Glück und die ihre künstlerische Antwort darauf.

Es geht also um die dunklen Begleiter des Lebens um Schmerz und Leid.

Es geht aber auch um Hoffnung, Überwindung, um Freude und Glück.

 

Seit vielen Jahren setzt sich die Künstlerin mit diesem Themenkreis intensiv auseinander. Anlass dazu war die persönliche traumatische Konfrontation mit Leid und Schmerz in ihrer unmittelbaren Umgebung, in ihrer persönlichen Beziehung zu dem Menschen, der ihr am nächsten steht.

Ich zitiere aus ihrem 2014 veröffentlichten Katalogbuch:

„Schmerz, der bleibt…. Ohne Aussicht auf Linderung…. Ist immer gegenwärtig, bohrt sich ein, zerreißt innerlich den Körper. Schmerz ist nicht messbar…. Nicht sichtbar und für die Außenwelt deshalb auch nicht realisierbar. Nur wer den eigenen körperlichen und seelischen Schmerz kennt, kann vielleicht nachspüren, wie sich Schmerz anfühlt. Ansonsten bleibt dem Betrachter von außen nur die Möglichkeit, den Schmerztragenden in seiner Empfindlichkeit zu beobachten….

 

So nähert sich Christine Schätzlein in diesem Arbeitszyklus „in Installationen, Objekten Bildern und Texten den unterschiedlichen Empfindungen und Aussagen des Leidtragenden aus verschiedenen Perspektiven.

 

Hierbei werden Assoziationen zu Passion, Krieg, Krankheit und sozialer Isolation frei, überall dort, wo emotionaler und körperlicher Schmerz existent ist.“

 

In dieser aktuellen Ausstellungsversion konfrontiert Ch.S. ihre Auseinandersetzung mit diesem Zyklus mit Arbeiten aus der Werkgruppe mit dem Titel „Happy dream shop“. Damit stellt sie die Frage nach der positiven Wendung, nach der Lösung leidvoller Erfahrungen. Eine Spurensuche nach dem Glück. Sie stellt Fragen: „Was sind die Bedingungen, unter denen sich Menschen als glücklich bezeichnen bzw. glücklich sind? Was versteht man unter Glück und wie kann man es messen? Zufallsglück, Lebensglück…. Bewusst und unbewusst. Leid und Glück. Yin und Yan. Das eine bedingt das Andere. Beide im Einklang lassen Harmonie entstehen.“

 

Ein Teil der Präsentation hier in der Johanniskirche basiert auf der 2013 im Spitäle gezeigten Ausstellung “RAUMSPIEL/KUNSTKIRCHE“ der Künstlergruppe CREO, die Christine Schätzlein zusammen mit den Bildhauern Matthias Engert und Kurt Grimm bildet.

Teile dieser damaligen Rauminstallation werden nun für dieses Ausstellungsprojekt in diesem Kunstraum Johanniskirche überarbeitet, z.T. neu arrangiert, neu gedacht und erweitert.

Die Zeit hat Veränderungen gebracht.

Die Zeit ließ einiges neu sehen.

Die Zeit bewirkt Abstand.

Die Zeit lässt neue Sehweisen zu.

Die Zeit heilt Wunden – nicht immer ganz.

 

Seit dem 10.5.2019 führen Christine Schätzlein und Jürgen Hochmuth einen Dialog, mit der Absicht, Ihnen heute die Arbeiten dieses Kunstprojektes näher zu bringen. Dieser Dialog begann mit einem langen intensiven Gespräch in meinem Atelier, setzte sich dann im Internet fort.

Ihn möchte ich nun zur Grundlage meines Versuches machen, Ihnen die Werke der Ausstellung näher zu bringen.

Ich bediene mich dabei sowohl wortwörtlicher Wiedergaben als auch fiktiver Gesprächselemente.

 

Betreff: St. Johannis Bodenkreuz

Von mail Ch.S.

Am: 10.5. 2019 10.57

 

„Eins ist mir noch eingefallen zum Bodenkreuz ‚arma‘, weil das ja schon ein komplexes Teil ist. Die Abdeckung mit dem geschmolzenen Kunststoff (Plastiktüten) lässt absichtlich keine klare Sicht zu…. man muss tiefer schauen, um den ‚Schmerz‘, der sich dahinter verbirgt, überhaupt wahrnehmen und begreifen zu können … gerade diese Halbtransparenz – lässt alles etwas verwischen …

Die Utensilien darin sind alle mit dem Unfall damals bzw. mit dieser Leidenssituation verbunden… Röntgenbilder, Fixateur, Fotokopien, Medikamentenhüllen, Spritzen, rostige Nägel, Hammer, medizinisches Tuch“

 

Betr. St Johannis Bodenkreuz

Von mail J.H.

Am: 10.5.2019 19:34

 

Schmerz, das ist der Pfahl im Fleisch, eine lokale Qual, die das ganze Empfinden beeinträchtigt: akut, chronisch, schneidend,

brennend, stechend, bohrend quälend. Immer komplexe Sinneswahrnehmung.

 

Schmerz denke ich, ist eine Erfahrung, die sich konkret nicht teilen lässt.

Durch das Erleben von Schmerz erfährt der Mensch etwas über seine Grenzen, über sich selbst. Schmerz schafft Bewusstsein.

 

Betr. St Johannis Bodenkreuz

Von mail Ch.S

Am: 14.6.2019 10:42

 

bevor ich wieder in mein Kelleratelier gehe um das Bodenkreuz weiter auf Vordermann zu bringen, schreibe ich dir wieder meine Gedanken dazu.

Beim Transport nach Würzburg ist mir vor allem das immense Gewicht des Vertikalbalkens aufgefallen… Dabei ist mir wieder einmal die Schwere der damit verbundenen Thematik in den Sinn gekommen. Gerade was Leidtragende und ihre Problematik betrifft.

Da der Stahl naturbelassen ist und ich ihn bei der Entstehung nur mit Terpentin gereinigt und mit Leinöl eingerieben habe, musste ich jetzt erst mal prüfen, ob noch alles ok ist. Man darf aber ruhig davon ausgehen, dass sich bei einem naturbelassenen Metall Patina ansetzt, was dann ja auch in gewisser Weise gewollt ist. In allem schwebt auch die Vergänglichkeit mit. Mir kommt es so vor, als ob ich manche Werke ein bisschen bewusst auch „vergessen“ habe…

 

Betr. St. Johannis Bodenkreuz

Von mail J.H.

Am 15.6.2019 9:46

 

weil du von Schwere sprichst, da habe ich gefunden, dass Luther von einer Theologie des Kreuzes spricht im Gegensatz zu einer Theologie der Herrlichkeit. Allein durch das Kreuz führt der Weg zu Gott. Das ist schwer und real. ( Karl Jaspers) .

 

Das Kreuz also als Metapher für Bürde. Aber auch für Frieden, Heil und Erlösung. Die Darstellung des qualvollen Leidens am Kreuz ist eine Form künstlerischer Darstellung, die uns eigentlich ein Leben lang begleitet. Und manchmal löst es Erschütterung aus. Meine Erschütterung kenne ich aus der Begegnung mit der Kreuzigung im Isenheimer Altar von Grünewald. Jedes Mal empfinde ich die Gegenwart des Entsetzlichen (P.Celan). Die Schwere des geschundenen Körpers. Die dicken Nägel, die die schmerzverkrümmten Hände durchbohren. Die überstreckten Arme. Die Dornen im Körper.

 

Betr. St Johannis -aus der Haut

Von mail Ch. S.

Am 14.6.2019 11:33

 

.. mir fällt noch etwas zu „aus der Haut“ ein. Ist das Hängeobjekt was ich vor das zweite Fenster rechte Seite Chorraum hängen werde. ….

Wenn das Objekt hängt, wird es bei entsprechender Sonneneinstrahlung einen Schatten schräg auf die gegenüberliegende Wandseite werfen. Finde ich ganz spannend. Der Lauf der Sonne wird diesen Schatten auch verändern und immer weiter nach hinten bringen. Am Objekt selbst wird auch die Transparenz und Dünnhäutigkeit sichtbar sein….

Mir ist spontan dazu eingefallen, die Sonne des Lebens nicht außeracht zu lassen. Immer wieder von der Kraft der Sonne bestrahlt werden wollen. Auf der Sonnenseite stehen. Auch wenn es eben nicht immer möglich ist. Wenn man manchmal aus der Haut fahren möchte.. aus der eigenen Haut möchte...

 

Betr. St Johannis aus der Haut

Von mail J.H.

Am 19.6.2019 19:09

 

Immer wenn ich im Lenbachhaus in München den Raum von Josef Beuys „Zeige deine Wunde“ besuche – und ich war oft dort – spüre ich die Eindringlichkeit schmerzhafter Erfahrung. Ohne Schmerz gibt es kein Bewusstsein. In einem Interview sagt er: “eine Wunde, die man zeigt kann geheilt werden.“

Und dann Haut. Die Schnittstelle zwischen Innen und Außen. Es ist der Ort, an dem das Selbst endet und die Welt beginnt. Beide Hautobjekte hängen im Raum, dünnhäutige Hüllen, verlassene Schutzschilder, Stimmungsanzeiger, Sinnesorgan. Hautnah erkennen wir, dass Haut repräsentativ für die Ganzheit der Person, für den Körper, für das physische und psychische Selbst des Menschen steht. Symbolische Form in hohem Maße.

 

Betr. Finish oder der Anfang

Von mail Ch.S.

Am 22.6.2019 12:30

Zu den „smiling faces“ muss ich gar nicht viel sagen. Die erklären sich von selbst, oder? Aber man könnte sich dennoch fragen, wie Glück und Freude eigentlich zustande kommen?

Eins ist sicher für mich. Über empfundenes Glück wird nicht so viel diskutiert und geredet. Über Leid und Schmerz hingegen sehr viel … in allen Ausmalungen und Auswüchsen. Tja, zu einem Glückszustand muss man anscheinend nicht viel sagen. Auch das kann natürlich nur subjektiv betrachtet werden. Entscheidend ist auch das Umfeld, der Einfluss unserer Gesellschaft etc. Dazu fällt mir ein link ein, über den ich mal im Internet gestolpert bin: nur-positive-nachrichten.de   Davon sollten wir mehr haben :))

 

Vielleicht kann ich Glück nur im Innern finden …

 

Betr. Finish oder der Anfang

Von mail J.H.

Am 25.6.2019 8:43

 

Welch eine Wende. Gute neue Gedanken. Nach all dem Durchlittenen, nach all dem Schmerz, erscheint 3 x großformatig die Freude, das Glück, das Lachen. Glück zu empfinden, auf dem Hintergrund von Leid - eine großartige, schöne, intensive Erfahrung. Je nach Standort hier im Raum, je nach Lichtsituation verändert sich die Wahrnehmung der lachenden Gesichter. Mal erscheint das Lachen still und zufrieden, mal herzlich und laut.

Lachen ist uns angeboren. Eigenartig, dass in der bildenden Kunst das Lachen eine recht geringe Rolle spielt. Eigentlich fällt mir spontan nur die Gruppe der Erlösten im Fürstenportal der Bamberger Doms ein und natürlich die Mona Lisa, aber die lächelt ja nur. Lachen verringert Schmerz, sagt die Gelotologie.

Dass Schmerz und Leid in der Kunst eine weitaus größere Beachtung findet, lässt sich leicht belegen. Ist also Glück eher selbstverständlich und beeinträchtigt Schmerz viel stärker unser Bewusstsein? In einem Züricher Jahrbuch der Künste 2011 finde ich einen Aufsatz über den „Schmerz in den Künsten“. Dort wird die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann zitiert: es „kann nicht die Aufgabe des Künstlers sein, den Schmerz zu leugnen, seine Spuren zu verwischen, über ihn hinwegtäuschen. Er muss ihn, im Gegenteil, wahrhaben und…..wahrmachen. … das sollte die Kunst zuwege bringen.“

Dabei ist das Lachen, die Empfindung von Glück, eine der wichtigsten angeborenen emotionalen Ausdruckformen des Menschen, eine sinnvolle Strategie, dem Leid zu begegnen.

 

Betr. St. Johannis Non located room

Von mail CH.S.

Am 22.6.2019 12:30

Gestern habe ich die Installation „non-located room“ für den Altar gecheckt. Da wird dann die Trübsal und Schwere weggeblasen.

Die Leuchtkraft und Transparenz durch die blaue, gelbe und weiße Plastikschmelze begeistert mich immer wieder! Durch das Experimentieren mit den Plastiktüten sind hellere und dunklere Farbspiele entstanden. Außerdem konnte ich dichtere und durchlässigere Felder entstehen lassen. Sieht fast aus wie lasiert. Tagsüber wird die Sonne wirken, für die Abendveranstaltungen werde ich mit künstlichem Licht arbeiten müssen.

Die Transzendenz und Erweiterung in einen unendlichen Raum wird für mich hier sehr deutlich … nur erahnend was sich dahinter befindet … Tja, es bleibt das große Mysterium der Menschheit … dieser Zustand, wenn sich der Geist von der Materie loslöst … übrigens auch in der Meditation. Im linken und teils im Mittelfeld kannst du vielleicht mit einem größeren Abstand zur Bildfläche eine abstrakte Figur erkennen. Hier sind wir im Bereich der Materie. Bei genauerem Hinsehen, kann man erkennen, dass Sand mit eingeschmolzen wurde. Der Sand rieselt im unteren Bereich sogar etwas aus den Ritzen, so als ob sich die Figur und die Materie auflösen wollen. Dieses zufällige Entstehen liebe ich so sehr am Experimentieren! Und das Zulassen dessen, einfach die Dinge laufen lassen und schauen, was dabei herauskommt.

Für mich bedeutet das Bild nicht nur eine Transzendenz nach dem Tod, sondern auch – jetzt wieder bezogen auf die Schmerzgeschichte – eine Loslösung vom körperlichen Schmerz durch Medikamente oder durch die Meditation.

 

Betr. St. Johannis non located room

Von: mail J.H.

Am 29.6.2019 9:45

 

zurück in den Altarraum zur abschließenden und zur letztlich zentralen Aussage deines Projektes: das Erahnen des großen Mysteriums, von dem du sprichst, die Loslösung des Geistes von der Materie und damit die Erkenntnis eines Raumes jenseits unserer direkten Erfahrung .

Diese Idee erscheint in der Form des Triptychons, der traditionellen Form des Altarbildes in der christlichen Kunst. Dabei spielt die Farbe die entscheidende Rolle. Im linken Teil ist die Farbe verloren gegangen. Auflösung. In der Mitte dann erscheint ein warmer Lichtbereich, der auf mystische Art Lebendigkeit zurückholt und zum wirklich nicht verortbarem Raum führt ins Blau, diese wahrhaft überirdische Farbe. Der blaue Himmel war der Anfang, Blau wird zum Symbol für die unergründliche Existenz Gottes, für Wahrheit Weite, Tiefe, Raum. Blau ist ungreifbar, Blau ist hintergründig, geheimnisvoll, rein und stetig.

 

Mich führt das letztlich aber auch zur Frage, ob und in welcher Weise sich emotionales Leid auf künstlerische Prozesse und Lösungen auswirken kann. Genauer gesagt, auf Schaffensprozesse und Ideen im künstlerischen Tun. Passionsimagination ist fest verankert in der christlichen Bildtradition. Über Grünewald habe ich schon gesprochen. Man könnte Josef Beuys, Goya, Francis Bacon, Arnulf Rainer…. als weitere Belege anführen.

Die Antwort auf die Darstellung von Schmerz und Leid finden wir glaube ich, in der abstrakten, in der gegenstandsfreien Kunst. Dort entstehen die schmerzfreien Räume. Dort erahnen wir die „non located rooms“, die Räume der Transzendenz, der Befreiung, des Glücks, über die bildnerischen Mittel Farbe, Fläche, Form, Struktur.

 

Mit deiner Kunst zeigst du Wege auf, begrüßt und bejahst Widersprüche, legst den Finger in die Wunde, bringst Leid und Glück in Einklang.

Danke für diese Ausstellung und ganz persönlich: danke für viele Anregungen, für Nachgedachtes und Erkanntes.

 

Leben, Dasein, Sosein.

 

©Jürgen Hochmuth 2019 (gekürzte Version)

 

(Der Text steht nicht zur ungefragten weiteren Veröffentlichung zur Verfügung)